34 SAME, SAME BUT DIFFERENT

Same, same but different

Buch mit Essays, Zürich, 2008

Fabian Kiepenheuer, Lukas Wolfensberger, Chasper Schmidlin

 

«Seit jeher beschäftigt sich der Kunstschaffende mit Ordnung und Unordnung, wobei der eine bewusst nach Ordnung und Proportion strebt, der andere das Suchen umgeht, indem er auf Intuition und die freie Gestaltung vertraut. In beiden Fällen haben wir es aber mit Ordnung zu tun, das eine Mal ist sie ausformuliert und sichtbar, das andere Mal steht sie im Hintergrund, zugunsten einer vordergründigen Poesie. Unordnung und Chaos gibt es in der Kunst nicht, da jede anwendbare Methode auf einer bewussten Entscheidung fußt, für die der Künstler einsteht. Eine absichtliche Unordnung zu erfinden ist paradox, da jede bewusste Entscheidung per se Alternativen ausschließt. Eine Ausnahme könnten die Geräusche aus dem Orchestergraben sein, wenn die Musiker vor dem Konzert ihre Instrumente stimmen.

Obwohl es Unordnung nicht gibt, kann man sie mit Trompe l‘Oeil-Effekten vorzutäuschen. Durch geschicktes addieren der immer gleichen Grundelemente, durch Drehen und Spiegeln kann das Bild einer Unordnung erzeugt werden. Solche Täuschungsmanöver, hervorgebracht durch immer gleiche, kopierte Grundelemente erscheinen vorerst bezüglich Kontrolle und Effizienz sehr verführerisch. Diesem Täuschungsmanöver könnte man ein Prinzip gegenüberstellen, das unendlich viele und formal unterschiedliche Elemente steuert, die alle einem Gesetz, einer Idee gehorchen. Ein solches Prinzip bringt Ordnungen hervor, die für das menschliche Auge an die Grenze des Erfassbaren stoßen. Ein Gefüge aus formal unterschiedlichen, aber einer Idee gehorchenden Elementen, erinnert an die Vielfalt, welche die Natur hervorbringt, an Wälder, Kiesablagerungen, Regen. Jeder Baum, jeder Kieselstein, jeder Tropfen unterscheidet sich formal vom anderen und ist einzigartig, dennoch ist er Teil eines Ganzen, einer Familie, einer Art oder eben einer Ordnung […]»

Ausschnitt aus dem Essay «Same Same, but different»