39 DER AUTONOME FLUSSRAUM

Der autonome Flussraum. Eine Antithese zur Idee einer Waterfront

Städtebauliche Studie, Belgrad, 2008

Fabian Kiepenheuer, Lukas Wolfensberger

Link: ETH Studio Basel

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Obwohl dreiseitig von Wasser umgeben, ist die Stadt Belgrad nie wirklich „ans Wasser gelangt“. Save und Donau bildeten lange Zeit nicht nur natürliche, sondern auch politische Grenzen, trennten sie doch das osmanische vom österreichisch-ungarischen Reich. Die immer wieder aufflammenden kriegerischen Auseinandersetzungen und die regelmässigen Überschwemmungen zwangen die Bevölkerung zur Besiedlung der sicheren Anhöhen. Erst im 19. Jahrhundert wurden Teile des Schwemmlandes trockengelegt und vorwiegend für Industriebauten und Infrastrukturen genutzt. Aufgrund der geographischen und historischen Einflüsse sowie dem Bau von Neu-Belgrad entstand eine polyzentrische, dem Wasser abgewandte Stadtstruktur, deren Doppelcharakter von geografischer Zentrumslage einerseits und funktionaler Randlage andererseits aussergewöhnlich ist. Trotz dieser besonderen Qualität gab es im Laufe der Zeit immer wieder Bestrebungen die Stadt über den Fluss hinweg zu verbinden und ein neues Zentrum zu schaffen. Letztes Beispiel hierfür ist der Belgrade Masterplan 2021, der unter anderem mit dem „Sava Amphitheatre“ eine hochdichte Dienstleistungszone zwischen Alt- und Neu-Belgrad vorsieht. Abweichend hiervon – gleichsam als Antithese – schlägt das Projekt eine alternative Lektüre des Flussraumes vor. Ausgehend von den unterschiedlichen natürlichen Gegebenheiten der beiden Uferzonen wird ein übergeordnetes Konzept für den Flussraum entwickelt, das die polyzentrische Struktur der Gesamtstadt aufnimmt und weiterentwickelt.

Die Uferzone von Alt-Belgrad ist ein topografisch scharf gefasster Raum, in dem, weitgehend isoliert voneinander, unterschiedlichste Nutzungen angesiedelt sind und so gewissermassen eine „Unterstadt“ am Fluss bilden. Um die unterschiedliche Entwicklung dieser funktionalen Entitäten auch in Zukunft zu gewährleisten, wird vorgeschlagen diese Räume durch den Umbau eines Bahngleises zu einer «Flussstrasse» nicht nur zu verbinden, sondern auch zugänglich zu machen. Auf der Westseite der Save sind die hydrologischen Gegebenheiten prägend. Durch eine feine «Überzeichnung» der bestehenden Topografie sollen diese gleichsam sichtbar gemacht werden. Das Projekt sieht hier Mulden vor, in denen das Grundwasser an die Oberfläche tritt, während auf Anhöhen solider Grund für Bauwerke entstehen soll. Der entstehende auenartige Naturraum setzt damit den in weiten Teilen der Uferzonen beider Flüsse bestehenden Grünsaum fort.